Die Erleuchtung kam um Mitternacht

Am 6. Mai 2018 begann ich 50 zu werden und das im Alter von 45 Jahren, 1826 Tage vor meinem 50ten Geburtstag. Ich saß mit meiner Mutter und ein paar Freunden in einem Lokal an der Werra, wo uns eine leicht sächselnde Kellnerin, nordhessische Spezialitäten und französischen Wein kredenzte.

Das Essen war gut und viel. Viel zu viel. Es wäre vielleicht besser in den nächsten ein, zwei Tagen die Waage zu meiden. Die Stimmung war gut und natürlich kam es dann zu den typischen Gesprächen.

„Hast Du neulich das Länderspiel gesehen?“ „Nein, ich gucke kein Fußball!“ „Echt nicht, es sind bald Weltmeisterschaften.“ „Ja und?“ „Das gibt es doch nicht, dass Du dann kein Fußball schaust, WELTMEISTERSCHAFTEN!“ „Ich kann halt mit dem heutigen Fußball nicht viel anfangen.“ „Du hast ja keine Ahnung von Fußball!“ „Aha, ich habe keine Ahnung? Dann erzähl mir mal wer die 5 Treffer 1954 im Finale geschossen hat?!“ „Pusckas, Czibor, 2-mal Rahn und ähm, ja ähm…“ „Also Ähm, war es nicht. Morlock. Max Morlock vom 1. FC Nürnberg.“

Natürlich kam natürlich die Frage aller Fragen: „Wo siehst Du Dich mit 50?“

Jetzt mal ganz ehrlich. Wer denkt schon groß darüber nach wo er sich in fünf oder zehn Jahren sieht? Im Scherz sage ich ja schon öfter, wenn mich jemand fragt wie alt ich werden will, dass ich 150 Jahre alt und mit 135 Olympiasieger in Halma werde. Darauf hin ist das Gespräch mit einem kräftigen Lacher beendet. Aber wer macht schon bei den wechselhaften Zukunftsaussichten Pläne für die nächsten fünf oder mehr Jahre?

„Aber man muss doch irgendwelche Ziele haben, schließlich geht es mit 50 dann doch schon Stark auf die Rente zu. Das weniger an Arbeit musste dann irgendwie ausgleichen, sonst gehst Du wie ein wie eine welkende Blume.“ Rente, bis dahin sind es noch locker 20 Jahre arbeiten, ein noch größerer Zeitraum.

„Du könntest wieder ernsthaft Sport machen! Mit Deiner Erfahrung, da könntest Du sicher auch anderen was weitergeben.“, sagte mein Gegenüber.

Seit einigen Wochen trainierte ich wieder, wenn auch körperbedingt nur auf niedriger Intensität. Auch wenn der Traum besteht irgendwann wieder wie früher drei, vier Mal die Woche zu laufen, bin ich mir bei meinem doch recht klapprigen Körper nicht sicher wann oder – besser gesagt – ob es wieder funktionieren könnte.

„Es gibt da Studien über Slowjogging. Durch langsames und betontes Laufen werden die Gelenke geschont und der Körper verbrennt immer noch mehr als wie beim Walking. Das sollte auch für Dich mit Deinem Gewicht gehen!“, sagte mein Gegenüber in betonter Stimme, als wüsste er was er sagt.

Ja klar, ein Nichtläufer gibt mir Tipps über das Laufen, total logisch. Außerdem wie sollte ich jemanden glauben, wenn er nicht mal wusste das Max Morlock das 1:2 im Finale der Weltmeisterschaft 1954 in Bern geschossen hatte. Ich hatte immerhin eine Autogrammkarte. Also von Max Morlock, nicht von meinem Freund.

Laufen, da war aber was. Erst die Tage hatte ich jemanden erzählt das ich vor wenigen Jahren noch in Dresden, Hannover oder Baunatal die Halbmarathondistanz gelaufen bin. Das ich noch Medaillen und Urkunden zu Hause habe. Und auch von dem Traum noch einmal einen größeren Wettkampf mitmachen zu wollen…

Was ist Slowjogging überhaupt? Wenn man es einfach übersetzt ist es einfach nur langsames Laufen. Man hat nur halt paar Studien gemacht, der Sache einen einprägsamen Namen gegeben, die durch alle Sportmagazine und Laufzeitschriften wabert und den Leuten suggeriert, das es jetzt das ultimative Ding ist.

Also, wenn es darum geht langsam zu Laufen, dann bin ich Speziallist. Beim Laufen bin ich die Langsamkeit in Person. Und das habe ich schon so gemacht, bevor es den Begriff „Slowjogging“ überhaupt gab.

Schnell wurde ich nur wenn ich provoziert wurde. Wie bei dem einem Lauf in Heckertshausen, wo ich fast 8 Kilometer mit einem Läufer zusammengelaufen bin, mich unterhalten habe und dieser dann meinte „Es wäre schön gewesen mit mir zu laufen, er wollte jetzt aber doch etwas schneller zum Ziel laufen…“ Meinte der Typ da gerade echt, dass ich nicht schneller könne?

Nun geht es in Heckertshausen das letzte Stück Richtung zweite Runde oder Ziel – je nach dem ob man 5 oder 10 Kilometer läuft – bergab und ich dachte mir „Nö… nicht mit mir“ und zog auch das Tempo an. Irgendwann war ich echt flott unterwegs blieb aber an dem Typen dran… Meine Beine machten zwar mit, aber der Kopf machte sich halt sorgen wie lange die Beine das noch mitmachen könnten.

Also begann ich mich abzulenken. In der Zeit war das erste Album von Santiano auf dem Markt und damit ein Lied mit dem Titel „Blow Boys Blow“ und ich fing an den Refrain vor mich her zu singen. Immer schneller und schneller.

Der Andere legte noch einen Zahn zu, ich auch… „Blow Boy Blow and we‘ll all blow together… Blow boys Blow and we’ll roll away…“ Eine dreistufige Treppe Treppe nahm ich mit einem Satz. Und dann kam der Endspurt. In der Ergebnisliste standen wir dann beide Zeitgleich drin und hinterher bei der obligatorischen Bratwurst meinte der Andere zu mir, das ich der verrückteste Läufer bin, den er wohl kennengelernt hätte.

Schöne Erinnerungen. Aber würde das nochmal klappen? Die Hüfte klappert, das Knie ziept, die Bronchen pfeifen dazu fröhlich im Takt. Man könnte schon fast sagen, ja das muss funktionieren, da ist Musike drin.

Trotz dieser schönen Erinnerungen konnte ich auf die gestellte Frage keine Antwort geben. Wo soll man sich schon in ferner Zukunft sehen?

Das Eis am Nachmittag was ich mit meiner Mutter am Nachmittag bei einem italienisch angehauchten Kaltwarendealer zu mir nahm, bestärkte nur noch das Gefühl, das der Weg über die Waage sicher erstmal keine gute Idee wäre.

Ich genoss den Abend alleine. Eine Bank mit schönen Ausblick über das Werratal. Die Sonne war untergegangen. Der Himmel präsentierte sich in einem tiefen Blau und dazwischen hatte irgendein Elektriker hunderte Leuchtdioden eingeschaltet, die wie Sterne funkelten. Ich hoffte nur das es schon LED waren. Ihr wisst schon wegen dem Stromverbrauch.

Den Weg unter mir hechelte im Dunkel einsam ein Läufer dem Hang hinauf. Ob der nicht wusste, dass oben auch eine Straße ist und dass man da gut mit dem Auto parken konnte?

Unterhalb von mit knallte es und es gingen Lichtblitze auf. Nett, dass man mir zu meinem Geburtstag ein Feuerwerk spendierte.

Seit 15 Jahren heißt es für mich zu meinem Ehrentag, ganz nach dem Motto von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg…“ Ich mag den Rummel, den man um Geburtstage macht nicht.

Und irgendwie kam es vor 15 Jahren dann mal dazu das ich meine Mutter nach Eisenach entführte und wir von Bahnhof zur Auffahrt zur Wartburg gingen. Es fing an zu Regnen. Nein, bleiben wir bei der Realität: Es pisste aus allen Rohren. Wir warteten auf Bus 1 zur Burg, auf Bus 2 und Bus 3, die alle nicht kamen. Bis ein Shuttle des 5Sterne-Hotels zu Fuße der Burg auf uns aufmerksam wurde und uns freundlicherweise mit zum Hotel nahm.

Wir aßen Zander mit Salbeikartoffeln an grünen Bohnen, ich besichtigte noch die Burg, meine Mutter durfte, da im Restaurant eine Feier stattfand im Kaminzimmer bei einem prasselnden Kamin platz nehmen. Und hinterher wurden wir sogar noch mit dem Shuttle – da man dort Gäste abholen musste – kostenlos zum Bahnhof gebracht.

Dieser Hauch Dekadenz, diese himmlische Ruhe ohne dauernde Glückwünsche, dass man doch dem grünen Rasen, der irgendwann über jeden von uns wächst wieder ein Jahr nähergekommen ist, das ist seither mein Geburtstag. An meinem Geburtstag bin ich seither überall, nur nicht zuhause und schon gar nicht erreichbar. Ich war zu meinem Geburtstag schon in Hamburg zum Hafengeburtstag, in Friedrichskoog an der Nordsee, in Erfurt, in Hannover im Zoo… und die Liste der Wünsche, die ich mir hier selbst erfülle ist noch lang.

Also, das Feuerwerk knallte und blitzte vor mir, der Läufer stapfte mit einem gekniffen genuschelten „Moin“ an mir vorbei. Eine Rakete zauberte ein besonders blau-rotes Bukett das von einer zweiten Rakete mit gelb-knisternden Fäden untermalt wurde. Und genau in dem Moment war mir klar, wo ich mit 50 Jahren wieder sein wollte.

Laufend, in engen Tights und wie immer an meinem Geburtstag nicht zuhause. Und ich hatte auch das Gefühl, das das Funktionieren würde, denn immerhin Walking – oder heißt es jetzt doch Slowjogging – ging ja seit einiger Zeit wieder und seitdem die Entzündung in den Schleimbeuteln sich langsam verzog machte auch das Gerätetrainig wieder mehr Spaß.

Das Feuerwerk endete mit zwei dicken Böllern. Ich vermute für eine Hochzeit… einer für den Mann einer für die Frau.

Und ich lief gleich los… hundert Meter zu meinem Auto.

Fotohintergrund: karte-postkarte-glückwunsch-252743 von Bru-nO auf Pixabay.com unter CC0-Lizenz

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